13. August 2026
Der Körper, der Kinder getragen hat: Wertschätzung statt Kritik
Ich stand vor dem Spiegel und zählte, was sich verändert hat – reflexhaft, kritisch, wie immer. Bis mir die Frage kam: Wessen Stimme ist das eigentlich, die da urteilt? Meine war es nicht

Das sind meine persönlichen Erfahrungen – keine medizinische Beratung und keine Therapie. Wenn der Blick auf den eigenen Körper dauerhaft belastet, ist professionelle Unterstützung ein guter und mutiger Schritt.
Ich habe eine Angewohnheit, die ich lange für normal hielt. Wenn ich morgens aus der Dusche komme und mich im Spiegel sehe, macht mein Blick fast von allein eine Inventur. Der Bauch, der weicher ist als mit fünfundzwanzig. Die feinen Linien, die geblieben sind. Die Stellen, die sich verändert haben und nicht mehr zurückgehen werden. Sekundenschnell, geübt, kritisch. Eine kleine tägliche Mängelliste.
Und dann, an einem dieser Morgen, kam mir zum ersten Mal eine andere Frage in den Sinn – nicht „was stimmt hier nicht?", sondern: Wessen Stimme ist das eigentlich, die da gerade urteilt? Ich habe kurz innegehalten. Denn diese Stimme klang nicht wie meine. Sie klang wie Werbung, wie Zeitschriften, wie ein Maßstab, den ich nie selbst gewählt hatte. Ich stand da in meinem eigenen Badezimmer und begutachtete mich mit den Augen von Fremden.
Was dieser Körper eigentlich getan hat
Dieser Bauch, den ich morgens so schnell kritisiere, hat zwei Menschen ausgetragen. Er hat sich gedehnt, um Platz zu machen, hat monatelang ein Leben getragen und dann noch eines. Er hat gehalten, gewachsen, wieder losgelassen. Die Linien, die ich als Makel abhake, sind die Spur davon – kein Schaden, sondern eine Aufzeichnung. Der Körper hat mitgeschrieben, was er geleistet hat.
Als ich das so dachte, kam mir meine morgendliche Inventur plötzlich absurd vor. Ich behandle den Körper wie ein Produkt, das eine Norm verfehlt – dabei ist er kein Produkt. Er ist das Zuhause, in dem ich das ganze Leben verbringe, und er hat Dinge getan, für die es keine Rückgängig-Taste gibt und geben sollte. Meinem Körper Wertschätzung entgegenbringen zu wollen und ihm gleichzeitig jeden Morgen zu sagen, dass er nicht genügt, ist ein Widerspruch, den ich lange nicht bemerkt habe.
Wertschätzung ist eine Entscheidung, kein Gefühl
Ich möchte hier ehrlich sein, weil in dieser Serie kein Platz für schöne Sprüche ist: Ich bin nicht eines Morgens aufgewacht und habe meinen Körper plötzlich bedingungslos gemocht. So funktioniert das bei mir nicht, und ich misstraue jedem, der es so verkauft. Wertschätzung ist bei mir keine Welle warmer Gefühle. Sie ist eine kleine, tägliche Entscheidung – oft gegen die alte, geübte Stimme.
Konkret heißt das: Ich habe die Inventur ersetzt. Wenn ich mich im Spiegel sehe, versuche ich, statt zu prüfen, einmal kurz zu grüßen – dieselbe Geste, von der ich schon einmal erzählt habe, der freundliche Blick wie zu einer Freundin. An manchen Tagen gelingt es. An anderen erwische ich mich mitten in der alten Liste. Dann sage ich nicht „reiß dich zusammen", sondern hole nur die andere Frage hervor: Was hat dieser Körper heute schon für mich getan? Er hat mich getragen, aus dem Bett, durch den Tag, zu den Menschen, die ich liebe. Das ist keine kleine Leistung, die man mal eben abhaken sollte.
Es geht dabei nicht darum, sich alles schönzureden. Ich sehe die Veränderungen durchaus. Ich tue nur nicht mehr so, als wären sie ein Vergehen. Ein Körper, der mehr als ein halbes Leben und zwei Kinder hinter sich hat, soll aussehen, als hätte er gelebt. Alles andere wäre eine Lüge, und für Lügen ist mein Badezimmerspiegel der falsche Ort.
Was sich verändert, wenn die Kritik leiser wird
Das Überraschende ist, was passiert, wenn dieser kritische Dauerkommentar verstummt. Es entsteht Platz. Platz, um überhaupt wieder etwas anderes zu spüren als Bewertung – Wärme zum Beispiel, Lebendigkeit, das Gefühl, in diesem Körper zu Hause zu sein, statt sein strengster Gutachter. Genau darum geht es in dieser Serie ja immer wieder: sich wieder als Frau zu fühlen, nicht als Baustelle. Und man kann sich schlecht lebendig fühlen in einem Körper, den man morgens als Erstes verurteilt.
Vielleicht kennst du diese Inventur auch. Diesen schnellen, harten Blick, den wir uns antrainiert haben, ohne ihn je gewählt zu haben. Wenn ja, dann lade ich dich zu demselben kleinen Experiment ein, das bei mir etwas verschoben hat: Frag dich morgen früh vor dem Spiegel nicht, was nicht stimmt. Frag dich, wessen Stimme da eigentlich spricht – und ob du ihr wirklich weiter das erste Wort des Tages überlassen willst.
Dein Körper hat dir zugehört, dein Leben lang. Es wird Zeit, dass du ihm auch mal zuhörst – und dass das, was du ihm sagst, freundlicher klingt als eine Mängelliste.
Mehr solcher ehrlichen Notizen findest du im BlogWoman Brief.
Nächste Woche in dieser Serie: Zeit für Nähe – ein System, kein Zufall.


